Schwimmding.de

Erste Experimente mit dem Bootsbau

 zur Startseite

<<< vorheriges Kapitel          1  2  3  4  5        nächstes Kapitel >>>  

 

Allmählich gab es nichts mehr, das im Büro noch gebastelt werden konnte und es wurde Zeit, sich nach einem endgültigen Bauplatz umzusehen. Der Sohn meines Vermieters brachte die Lösung: er hatte fünf Häuser weiter im Hinterhof einen Autostellplatz zu vermieten und nichts dagegen, dass ich den Parkplatz zur Werft umfunktionierte. Das Boot wurde auseinandergeschraubt und die Einzelteile in den Hinterhof geschleppt, wo es daran ging, alles wieder ordentlich zusammenzubauen, aber diesmal ordentlich stabil mit Epoxidharz verleimt und nicht nur geschraubt. Erst war ich reichlich nervös, so eine Epoxidharz-Verklebung ist etwas für die Ewigkeit, da durfte man sich keine Fehler erlauben. Aber alles ging gut und sobald der Rahmen fertig verklebt war, fing es an zu regnen und hörte eine Woche lang nicht mehr auf. Zum Glück hatte ich in weiser Voraussicht eine Plane gekauft, die jetzt gute Dienste leistete.

Allmählich wurde der Hinterhof zu meiner zweiten Heimat und als der Regen endlich aufhörte, begann eine Zeit des Streichens und Klebens und ich breitete mich immer weiter über den gemieteten Autoparkplatz aus, was aber niemanden störte, solange abends immer wieder alles ordentlich weggeräumt wurde. Bald schon kamen auch die ersten Hausbewohner, um zu erforschen, was hier eigentlich so vor sich ging. Sie hatten schon Wetten abgeschlossen, aber auf einen Bootsbau war bisher niemand gekommen - keiner Wunder, sah die Holzkiste doch so überhaupt nicht nach Boot aus. Das größte Kompliment war: "Du musst aber schon ein paar Fenster in den Kaninchenstall machen, ganz im Dunkeln mögen es die Tiere auch nicht." Aber kaum hatte ich eine Spitze an den Kasten geschraubt, ging den Leuten ein Licht auf: "Das sieht ja fast wie ein Boot aus. Soll das mal ein Boot werden?"

Die Solarzellen wurden auf den Boden gelegt und ich notierte peinlich genau, bei welcher Bewölkung wieviel Strom erzeugt wurde.

Irgendwann kam der Tag, an dem man die allerlästigste Aufgabe nicht mehr weiter verschieben konnte: den Rumpf mit Glasfasermatten zu verstärken. Das ist eine unheimlich nervige Angelegenheit, schon beim Zurechtschneiden der Matten verliert man jegliche Lust. Meine Freundin erbarmte sich und nahm mir einen großen Teil dieser Selbstmordaktion ab. Das Zeug fasert nur so durch die Gegend und bald war der Hinterhof mit feinen Glasfasern bedeckt. Aber wir hatten Glück, am Tag darauf kam ein Sturm und blies alles irgendwo hin, so dass uns das Kehren erspart blieb. Die Matten wurden mit dünnflüssigem Epoxidharz festgeklebt, und sehr schnell begriffen wir, dass das für diesen Zweck eingeplante Harz weit und breit nicht reichen würde. Die Matten saugten sich gnadenlos mit dem klebrigen Harz voll, dafür wurde der Rumpf aber auch bombenfest. Zur Sicherheit verstärkten wir die Kanten noch mit einer zweiten Lage Glasfasern.

Nachdem das Harz ausgehärtet war, schraubte und klebte ich die Spitze an den Kasten und brachte noch zwei "Kufen" an der Unterseite des Rumpfes an. Es schien mir eine gute Idee zu sein, zwei stabile, sogenannte "Tothölzer" zu haben. Wenn ich irgendwo auf Grund fahren würden, würde es zuerst die beiden Hölzer treffen und nicht gleich den Schiffsrumpf. Das war eigentlich vom Prinzip her sehr gut, später fuhr ich beim Anlegen an einem Strand einfach direkt auf das Ufer zu und brauchte keine Angst wegen einer eventuellen Beschädigung des Rumpfes haben. Ob und wie das die Manövrierfähigkeit beeinflusste, brachte ich natürlich nie heraus, es gab keine Vergleichsmöglichkeit.

Dann ging es weiter mit der endlosen Streicherei. Rechnen Sie grob damit, dass Sie etwa 80% der aufgewandten Zeit beim Bootsbau für Schleifen und Lackieren benötigen.

Vom Thema "Farben" und vor allem vom Thema "Bootsfarben" hatte ich überhaupt keine Ahnung und wälzte eine Ladung Prospekte von Farbenherstellern wie International und Hempel (www.yachtcare.de). Hinterher war ich schwer verwirrt von der Unmenge der angebotenen Bootslacke und entschied, hier nach Gefühl vorzugehen. Zuerst kam eine weiße Grundierung mit Epoxidfarbe, Epoxid klang gut, ich hatte gesehen, wie unglaublich hart das Harz wurde, das konnte bei der Farbe auch nicht schaden. Dann pinselte ich eine Schicht "Antifouling" auf den Schiffsteil, der später wahrscheinlich unter Wasser war, eine Art Giftfarbe, die verhindert, dass sich Algen und Muscheln am Unterwasserschiff festsetzen. Den Rest strich ich mit irgendeinem billigen Lack aus dem Baumarkt, die Kabinenteile mit Bio-Lack aus Leinsamenöl der Marke "Le Tonkinois", angeblich von der französischen Marine empfohlen. Ein schwerer Fehler, das Zeug ist für Innenanstriche nicht zu empfehlen, es stank noch nach einem Jahr in der Kabine nach diesem Lack. Den Lack für das Deck vermischte ich mit feinem Quarzsand, damit man später nicht so leicht ausrutschen würde.

Mit tatkräftiger Hilfe der Hausbewohner wurde der inzwischen schon ziemlich schwere Holzkasten umgedreht, die Kabine montiert und eifrig weitergepinselt.

Die Spitze bekam einen Deckel mit Scharnierband, man konnte sie jetzt als "Abstellkammer" verwenden, für die Teile, die man zwar gerne an Bord hat, aber nicht jeden Tag braucht.

Um alles etwas schöner aussehen zu lassen, bekam das Schiff Verzierungen am Rumpf: chinesisch anmutende Schriftzeichen, Ornamente und einen großen Drachen, in der chinesischen Mythologie ein Glücksbringer. Ein Name für das Schiff war bisher noch keinem eingefallen, einen der gerne üblichen Frauennamen zu verwenden war viel zu bürgerlich und so Namen wie "Spreeperle" waren sowieso völlig out. Ein Blick auf einen Internetübersetzungsdienst brachte die Lösung. Besonders viel wurde dort auf chinesisch zwar nicht angeboten, aber darunter befand sich das Motto "Verwirkliche deinen Traum". Die Schriftzeichen wurden ausgedruckt, vergrößert und abgemalt. Scheinbar ganz gut, später am See kam eines Tages ein junges deutsches Pärchen vorbei und der Mann sagte zur Frau: "Schau mal, da steht ‚Verwirkliche deinen Traum' drauf". Ich war baff, scheinbar handelte es sich um einen Chinesisch-Studenten.

 


Die Holzkiste ist auf den Parkplatz umgezogen.


Sehr praktisch in der Handhabung, aber teuer: Das Epoxidharz der Firma West Systems.


Noch herrscht Ordnung auf dem Bauplatz.


Der Stress mit den Glasfasermatten beginnt...


... und hört ewig lang nicht auf.


Ebensowenig das Hantieren mit Pinsel und Farbe.


Hier wird der Boden mit Antifouling bestrichen.


Und jetzt wirds chinesisch...