Allmählich gab es nichts mehr, das im Büro noch gebastelt werden
konnte und es wurde Zeit, sich nach einem endgültigen Bauplatz
umzusehen. Der Sohn meines Vermieters brachte die Lösung: er hatte
fünf Häuser weiter im Hinterhof einen Autostellplatz zu vermieten
und nichts dagegen, dass ich den Parkplatz zur Werft
umfunktionierte. Das Boot wurde auseinandergeschraubt und die
Einzelteile in den Hinterhof geschleppt, wo es daran ging, alles
wieder ordentlich zusammenzubauen, aber diesmal ordentlich stabil
mit Epoxidharz verleimt und nicht nur geschraubt. Erst war ich
reichlich nervös, so eine Epoxidharz-Verklebung ist etwas für die
Ewigkeit, da durfte man sich keine Fehler erlauben. Aber alles ging
gut und sobald der Rahmen fertig verklebt war, fing es an zu regnen
und hörte eine Woche lang nicht mehr auf. Zum Glück hatte ich in
weiser Voraussicht eine Plane gekauft, die jetzt gute Dienste
leistete.
Allmählich wurde der Hinterhof zu meiner zweiten Heimat und als
der Regen endlich aufhörte, begann eine Zeit des Streichens und
Klebens und ich breitete mich immer weiter über den gemieteten
Autoparkplatz aus, was aber niemanden störte, solange abends immer
wieder alles ordentlich weggeräumt wurde. Bald schon kamen auch die
ersten Hausbewohner, um zu erforschen, was hier eigentlich so vor
sich ging. Sie hatten schon Wetten abgeschlossen, aber auf einen
Bootsbau war bisher niemand gekommen - keiner Wunder, sah die
Holzkiste doch so überhaupt nicht nach Boot aus. Das größte
Kompliment war: "Du musst aber schon ein paar Fenster in den
Kaninchenstall machen, ganz im Dunkeln mögen es die Tiere auch
nicht." Aber kaum hatte ich eine Spitze an den Kasten geschraubt,
ging den Leuten ein Licht auf: "Das sieht ja fast wie ein Boot aus.
Soll das mal ein Boot werden?"
Die Solarzellen wurden auf den Boden gelegt und ich notierte
peinlich genau, bei welcher Bewölkung wieviel Strom erzeugt wurde.
Irgendwann kam der Tag, an dem man die allerlästigste Aufgabe
nicht mehr weiter verschieben konnte: den Rumpf mit Glasfasermatten
zu verstärken. Das ist eine unheimlich nervige Angelegenheit, schon
beim Zurechtschneiden der Matten verliert man jegliche Lust. Meine
Freundin erbarmte sich und nahm mir einen großen Teil dieser
Selbstmordaktion ab. Das Zeug fasert nur so durch die Gegend und
bald war der Hinterhof mit feinen Glasfasern bedeckt. Aber wir
hatten Glück, am Tag darauf kam ein Sturm und blies alles irgendwo
hin, so dass uns das Kehren erspart blieb. Die Matten wurden mit
dünnflüssigem Epoxidharz festgeklebt, und sehr schnell begriffen
wir, dass das für diesen Zweck eingeplante Harz weit und breit nicht
reichen würde. Die Matten saugten sich gnadenlos mit dem klebrigen
Harz voll, dafür wurde der Rumpf aber auch bombenfest. Zur
Sicherheit verstärkten wir die Kanten noch mit einer zweiten Lage
Glasfasern.
Nachdem das Harz ausgehärtet war, schraubte und klebte ich die
Spitze an den Kasten und brachte noch zwei "Kufen" an der Unterseite
des Rumpfes an. Es schien mir eine gute Idee zu sein, zwei stabile,
sogenannte "Tothölzer" zu haben. Wenn ich irgendwo auf Grund fahren
würden, würde es zuerst die beiden Hölzer treffen und nicht gleich
den Schiffsrumpf. Das war eigentlich vom Prinzip her sehr gut,
später fuhr ich beim Anlegen an einem Strand einfach direkt auf das
Ufer zu und brauchte keine Angst wegen einer eventuellen
Beschädigung des Rumpfes haben. Ob und wie das die
Manövrierfähigkeit beeinflusste, brachte ich natürlich nie heraus,
es gab keine Vergleichsmöglichkeit.
Dann ging es weiter mit der endlosen Streicherei. Rechnen Sie
grob damit, dass Sie etwa 80% der aufgewandten Zeit beim Bootsbau
für Schleifen und Lackieren benötigen.
Vom Thema "Farben" und vor allem vom Thema "Bootsfarben" hatte
ich überhaupt keine Ahnung und wälzte eine Ladung Prospekte von
Farbenherstellern wie International und Hempel
(www.yachtcare.de). Hinterher war ich schwer verwirrt von der
Unmenge der angebotenen Bootslacke und entschied, hier nach Gefühl
vorzugehen. Zuerst kam eine weiße Grundierung mit Epoxidfarbe,
Epoxid klang gut, ich hatte gesehen, wie unglaublich hart das Harz
wurde, das konnte bei der Farbe auch nicht schaden. Dann pinselte
ich eine Schicht "Antifouling" auf den Schiffsteil, der später
wahrscheinlich unter Wasser war, eine Art Giftfarbe, die verhindert,
dass sich Algen und Muscheln am Unterwasserschiff festsetzen. Den
Rest strich ich mit irgendeinem billigen Lack aus dem Baumarkt, die
Kabinenteile mit Bio-Lack aus Leinsamenöl der Marke "Le Tonkinois",
angeblich von der französischen Marine empfohlen. Ein schwerer
Fehler, das Zeug ist für Innenanstriche nicht zu empfehlen, es stank
noch nach einem Jahr in der Kabine nach diesem Lack. Den Lack für
das Deck vermischte ich mit feinem Quarzsand, damit man später nicht
so leicht ausrutschen würde.
Mit tatkräftiger Hilfe der Hausbewohner wurde der inzwischen
schon ziemlich schwere Holzkasten umgedreht, die Kabine montiert und
eifrig weitergepinselt.
Die Spitze bekam einen Deckel mit Scharnierband, man konnte sie
jetzt als "Abstellkammer" verwenden, für die Teile, die man zwar
gerne an Bord hat, aber nicht jeden Tag braucht.
Um alles etwas schöner aussehen zu lassen, bekam das Schiff
Verzierungen am Rumpf: chinesisch anmutende Schriftzeichen,
Ornamente und einen großen Drachen, in der chinesischen Mythologie
ein Glücksbringer. Ein Name für das Schiff war bisher noch keinem
eingefallen, einen der gerne üblichen Frauennamen zu verwenden war
viel zu bürgerlich und so Namen wie "Spreeperle" waren sowieso
völlig out. Ein Blick auf einen Internetübersetzungsdienst brachte
die Lösung. Besonders viel wurde dort auf chinesisch zwar nicht
angeboten, aber darunter befand sich das Motto "Verwirkliche deinen
Traum". Die Schriftzeichen wurden ausgedruckt, vergrößert und
abgemalt. Scheinbar ganz gut, später am See kam eines Tages ein
junges deutsches Pärchen vorbei und der Mann sagte zur Frau: "Schau
mal, da steht ‚Verwirkliche deinen Traum' drauf". Ich war baff,
scheinbar handelte es sich um einen Chinesisch-Studenten.