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Ein Bootsführerschein ist wesentlich
einfacher und schneller zu machen als ein Führerschein fürs Auto,
musste ich feststellen. Und er ist auch erheblich billiger. Ein
Sportbootführerschein Binnen war zum Beispiel in einem
Wochenendkompaktkurs schon für 250 Euro zu haben, incl. der
Prüfungsgebühren. Die Preise variieren natürlich je nach Gegend und
Konkurrenzkampf der Fahrschulen.
Einen Sportbootführerschein Binnen braucht man, wenn der Motor
des Bootes mehr als 5 PS hat, sowie im Großraum Berlin, egal welche
Motorstärke. Für den Bodensee gilt er nur besuchsweise einen Monat
lang, für Hafengebiete (z.B. Hamburg) und für Küstengewässer gilt er
überhaupt nicht. Auf den Weltmeeren außerhalb der Drei-Meilen-Zonen
benötigt man keinen Führerschein, aber da muss man erst einmal
hinkommen. Und mit dem selbstgebauten Hausboot den ersten Sturm
überleben. Da wollte ich aber sowieso nicht hin, sondern mich
vorläufig auf den Berliner Gewässern umhertrollen. Wasser gibt es in
und um Berlin ja reichlich. Kaum hatte ich meine Prüfung bestanden,
wurde übrigens die Sonderregelung für Berlin aufgehoben, inzwischen
braucht man auch hier den Führerschein erst ab fünf PS.
Es gibt auch den sogenannten Charter-Schein, mit diesem darf man
nach einer dreistündigen Einweisung durch den Bootsvermieter ohne
Führerschein ein Boot mit mehr als 5 PS fahren, vorausgesetzt, das
betreffende Gewässer ist dafür freigegeben. Er ist aber nur für das
gemietete Boot gültig.
Nach Überweisung der Kurskosten bekam ich vorab von meiner
Fahrlehrerin ein Lehrbuch geschickt, das ich wie einen spannenden
Krimi verschlang. Bis auf die Abteilung, welche Ämter und Behörden
wofür zuständig sind, war eigentlich alles ziemlich einfach.
Im theoretischen Unterricht erzählte uns dann die Lehrerin im
Prinzip genau das, was auch im Buch stand, angereichert mit einigen
Anekdoten aus ihrem Seefahrerleben. Und sie brachte uns die
offizielle Abkürzung für die Wasserschutzpolizei bei: Waschpo.
Wir lernten auch, dass ein Seil mitnichten ein Seil ist, sondern
je nach Verwendungszweck Schot, Trosse, Fall, Bändsel, Ende, Leine
oder Tau genannt wird. Ich beschloss, alle Insider zu schockieren
und in Zukunft nur noch "Schnur" zu so einem Strick zu sagen.
Etwas Sorgen machte mir mein Autoführerschein, er hatte die dumme
Angewohnheit, sich gerne irgendwo in meinem Büro zu verstecken, seit
ich vor Jahren mein Auto verkauft hatte und nur noch per Fahrrad
unterwegs war. Eine halbe Stunde suchen förderte ihn aber zutage.
Ohne gültigen Autoführerschein muss man nämlich bei der Prüfung ein
amtliches Führungszeugnis vorlegen.
Das ärztliche Gesundheitszeugnis war ein weiterer nerviger Teil
der ganzen Angelegenheit. Man braucht es unbedingt, um zu beweisen,
dass man nicht taub oder blind ist oder an epileptischen Anfällen
leidet. Ein morgendlicher Besuch bei einer Sportärztin machte mich
zwar um 15 Euro ärmer, aber dafür bekam ich nach dem Ablesen einiger
Buchstabenreihen von einer Wandtafel und der Beantwortung einiger
Fragen den begehrten Schein.
Die theoretische Prüfung selbst war nicht besonders schwer, etwa
die Hälfte der Fragen konnte man mit etwas gesundem Menschenverstand
beantworten, ohne vorher gebüffelt zu haben. Zum Beispiel so eine
komplizierte Frage wie: "Was bezeichnen Sie als Nacht?" Richtig, das
ist die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang. Falsch wäre
die Antwort: "Wenn es dunkel ist", das kann ja schließlich tagsüber
auch mal passieren. Nachdem ich wusste, dass ich sowieso alles
andere richtig hatte, erlaubte ich mir hier allerdings den Spass,
als Antwort zu schreiben: "Nacht ist, wenn ich müde werde."
Hoffentlich war das eine kleine Abwechslung im Alltag der Prüfer,
die übrigens alle in schicken Seefahreruniformen erschienen waren.
Etwa 250 Fragen und deren Antworten musste man lernen, von denen
bei der Prüfung 30 Stück schriftlich abgefragt wurden. Dazu hatten
wir eine Stunde Zeit. Die Prüfung beschränkt sich auf die vorgegeben
Standardfragen, es dürfen keine neuen dazu erfunden werden. Die
Antworten waren frei zu formulieren, Kästchen zum Ankreuzen gab es
nicht.
Um keine Zeit zu haben, nervös zu werden, meldete ich mich nach
der theoretischen Prüfung sofort freiwillig als erster für den
praktischen Teil. Wir waren etwa 70 Kandidaten, ich wollte nicht
stundenlang herumstehen und warten. Die Praktische war auch nicht
sonderlich schwer, es wurde gefordert: Geradeausfahren, Anhalten,
Rückwärtsfahren, Wenden, Anlegen und ein Mann-über-Bord-Manöver. In
zwei Fahrstunden hatte man das vorher locker gelernt. Die Fahrt war
nach 10 Minuten vorbei und die Prüfer waren sehr geduldig, man hatte
immer einen Fahrfehler gut und konnte einen zweiten Versuch starten.
Ich erhielt auch einen anerkennenden Blick vom Prüfer, als ich ein
wegen des Windes zu verunglücken drohendes Anlegemanöver abbrach,
sowie den Kommentar: "Gut gemacht. Wenn Sie bei der Bö weiter auf
den Steg zugefahren wären, hätte ich Sie durchfallen lassen müssen."
Von den zu lernenden zehn 10 Seemannsknoten wurden vier geprüft,
welche vier wusste man vorher aber nicht.
Dann begann der langweilige Teil: warten, warten, warten. Die
sich sehr blasiert und streng gebende Oberprüferin beharrte auf dem
Standpunkt, dass es völlig unmöglich sei, den Führerschein
zugeschickt zu bekommen. Nein, wir hatten alle zu warten, bis der
letzte fertig war, erst dann sollten uns - ähnlich wie vor 40 Jahren
in der Schule die korrigierten Aufsätze im Deutschunterricht -
Schüler nach Schüler feierlich die Scheine überreicht werden. Wer
bei der schriftlichen Prüfung versagt hatte, müsste sich zu einer
mündlichen Nachprüfung begeben. Man durfte auch den "Schulbereich"
nicht verlassen und zum Beispiel in zwei Stunden wiederkommen, weil
niemand wusste, wie lange die praktischen Prüfungen so dauern
würden. In strengstem Ton wurde uns von der Oberprüferin mitgeteilt,
wer bei der Ausgabe nicht zur Stelle sei, bekäme eben keinen
Führerschein. Ich bekam den Verdacht, die Dame war vor der Wende
wahrscheinlich von Beruf DDR-Grenzbeamtin und musste sich jetzt
irgendwie anders wichtig machen. Nach einigen Stunden war es dann
soweit, die Übergabe begann. Einer nach dem anderen wurde aufgerufen
und bekam eine Tüte mit einem Prospekt des prüfenden
Motoryachtverbandes überreicht. Was allerdings nicht in der Tüte
war: Der Führerschein, auf den wir alle so lange gewartet hatten.
Kleinlaut gestand die Chefprüferin, die neue Computersoftware hätte
versagt und sie könne die Scheine jetzt nicht ausdrucken. Wir würden
sie per Post bekommen...
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