Spirit of Berlin
 

Kunsttherapie

BILDER SIND BRÜCKEN

SIE LASSEN UNS TEILHABEN

AN VERGANGENEM LEBEN.

SIE LEGEN DEN BLICK

FREI IN INNERE BEREICHE

DES DENKENS UND FÜHLENS.

BILDER SIND BRÜCKEN

BRÜCKEN, DIE UNS ZU UNS SELBST FÜHREN.

JOHANNES RICHTER

   

eigenART
atelier für kunst und therapie
barbara gockel

schützenstr. 52
12165 berlin-steglitz
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Homepage:
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Selbstverständnis der Kunsttherapie

Die Kunsttherapie als Richtung innerhalb des großen Feldes der Psychotherapie ist noch recht jung. Ursprünglich aus den USA kommend ist sie einerseits jeweils einem bestimmten psychotherapeutischen Ansatz wie der Psychoanalyse, der Verhaltens- oder Gestalttherapie verbunden, und wurde andererseits auch stark von einzelnen Persönlichkeiten aus den USA und Europa geprägt wie z.B. Janie Rhyne, Jolande Jacobi, Gisela Schmeer und Edith Kramer (um nur einige wenige "Mütter" der Kunsttherapie zu nennen).

Worum geht es nun in der Kunsttherapie?

Der Rocksänger Kevin Prosch singt in einem Lied "For Stephanie" folgenden Textvers: "You are painting horses that run wild on the wall and you are getting healed by the things that you draw...". Dieser Vers drückt kurz und knapp aus, worum es bei der Kunsttherapie geht: In der Verbindung von künstlerischem Gestalten wie Malen, Zeichnen, Modellieren und therapeutischer Bearbeitung wird ein Prozeß der Besserung und Heilung des Leidens einer Person in Gang gesetzt. Das Wort Kunst kann dabei zu Irritationen führen. Während der Künstler versucht, durch Gestalten eines Materials Inhalt und Form zur höchstmöglichen Vollendung zu führen, steht bei der Kunsttherapie das unreflektierte, spontane Tun im Vordergrund, die "Bilder aus dem Unbewußten", wie sie Jacobi bezeichnet Oft offenbaren diese Bilder etwas, wozu selbst die bildliche Sprache keinen Zugang hat. Überhaupt ist die Bildsprache die Wurzel unserer Sprache, denkt man an die Felsenzeichnungen der Primitven oder an die ägyptischen Hiroglyphen. Dabei ist es wichtig zu betonen, daß jeder Mensch seine individuelle Symbolik hat, die sich auch durch einzelne Lebenszyklen hindurch verändern kann. Der Ausdrucks- und Wirkungswert steht in bezug auf den einzelnen, der etwas gestaltet, im Vordergrund. Jemand beschrieb dies in Symbolen: Einen Pinsel als Zeichen, daß man beim Malen sein inneres Selbst entdeckt, ein elektrisches Kabel und Stecker für das "Einschalten der Gefühle", ein übergroßes Auge symbolisiert das "Erkennen des Unbewußten" und ein Telefon steht dafür, daß durch die Kunsttherapie gelernt wurde, sich mitzuteilen.

Was Bilder und Objekte den Menschen bedeuten, erkennen sie im Laufe eines therapeutischen Gespräches mit dem/der KunsttherapeutIn für sich selber.

Es gib heute innerhalb der kunsttherapeutischen Fachliteratur die unterschiedlichsten Ansätze. Je nachdem ob man dem psychoanalytischen Ansatz von Freud, der Objektbeziehungstheorie von Mahler, dem Selbstpsychlogischen Ansatz von Kohut, dem analytischen Ansatz von Jung oder anthroposophische Theorien folgt, werden sich bei der Vorgehensweise im therapeutischen Gespräch und der Interpretation der Bilder gewisse Schwerpunkte ergeben. Hier geht es um eine allgemeine Darstellung von angewandter Kunsttherpie.

 

Der Gestaltungsprozeß

Die moderne wissenschaftliche Ausdurckslehre hat viel von dem Grundsatz der Signaturlehre der Naturphilosophen des 16. und 17. Jahrhunderts übernommen, welche besagt, daß alles Innere am Äußeren zu erkennen sei. Und Parcelsus lehrt: "Die Natur ist die Bildnerin der Gestalt; sie verleiht ihr die Form, die zugleich ihr Wesen ist, und so zeigt sie die Form des Wesens an." Auf diesem Grundsatz baut die Kunsttherapie auf: Durch Bilder und Objekte zeigt eine Person Stimmungen, Gefühle und Gedanken, die oft unaussprechlich sind und ihre Persönlichkeit gewinnt Gestalt.

Für die meisten Menschen kostet es einige Überwindung, mit Malen zu beginnen. Ist aber der erste Schritt getan, dauert es nicht lange, bis die malende Person ganz in den Malprozeß vertieft ist und scheinbar wie in Trance. Beim Malen wird der Denkapparat gleichsam ausgeschaltet, zugunsten einer ganz anderen Seite des psychischen Lebens, zugunsten von verdrängten Gefühlen, inneren Bildern, Wünschen und Sehnsüchten. Der Gestaltungsprozeß geht in Schritten vor sich:

1. In einer Vorbereitungsphase stellt der/die TherapeutIn (aufgrund einer bereits bekannten Konfliktsituation oder eines bereits geäußerten Bedürfnisse) das Thema, bietet Materialien an und fordert zum Gestalten auf. Die Materialien können frei oder von der Therapeutin bewußt ausgewählt werden.

2. Es folgt eine innere Beschäftigung mit dem Thema. Bei der/dem "PatientIn" tauchen Erinnerungen, Bilder oder Phantasien auf, manchmal auch Unlust, Resignation, >black-out<. Früher oder später beginnt dann der Gestaltungsprozeß.

3. In der Gestaltungsphase überläßt sich die/der Malende mehr oder weniger inneren Vorgängen, die sie/er dann auszudrücken sucht.

Jacobi (1992) bezeichnet derartiges Gestalten aus dem Unbewußten als "psychischen Aderlaß". Sie spricht von einer Verwandlung, indem Ungestaltetes in Gestaltetes übergeführt wird, eine Libidoumsetzung in eine schöpferische Arbeit, die formend sich formt. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Entmachtung des Mächtigen. Übermächtige Ängste, bedrückende Phantasien werden durch die Gestaltung kleiner, übersichtlicher, beherrschbarer. Sie spuken nicht mehr im Kopf einer Person, sie werden auf das Bild als Ersatzgebiet verschoben. So ist sie ihnen nicht mehr hilflos ausgeliefert, sondern hat sie plötzlich durch das Gestalten in der Hand. Anschließend kann das Gespräch über das Bild oder Objekt beginnen.

In der Kunsttherpie wird davon ausgegangen, daß das innere >In-Fluß-Kommen< allein schon lösende heilende Effekte hat. Trotzdem ist die anschließende therapeutische Arbeit von größter Bedeutung. Jacobi spricht von >lösendem und erlösendem Effekt<. Der lösende tritt durch den Gestaltungsprozeß, der erlösende kann sich als Ergebnis einer Verarbeitung einstellen.

Deutungen des Gmalten oder Gestalten sollen, wenn überhaupt, fragend im Konjunktiv geäußert werden. Es liegt bei der Person selbst, die Deutung anzunehmen oder nicht. In keinem Fall interpretiert der/die KunsttherapeutIn das Bild nach dem Motto "... der Berg bedeutet dies, die Farbe das und aus dem Ganzen ziehe ich diese oder jene Schlüsse..." Vielmehr machen sich beide auf den Weg, das Bild und die damit zusammenhängende Bedeutung für die Person zu entdecken.

In der kunsttherapeutischen Fachliteratur wird bei den Bildern zwischen kollektiven und individuellen Symbolen für das Selbst eine Menschen unterschieden: Je nachdem, ob die Darstellungen auf rein persönliche Erfahrungen bezogen sind, oder ob sie aus dem Vorrat des allgemeinen menschlichen Bewußtseins ausgewählt worden sind. Für C.G. Jung, neben Freud und Adler einer der Wegbereiter der Tiefenpsychologie, war die Unterscheidung zwischen persönlichem und kollektivem Unbewußtem für seine Arbeit substantiell. Das kollektive Unbewußte manifestiert sich in archaischen Bildern und Mythen, die Träger wiederkehrender Menschheitserfahrungen sind, und die Jung auch als "Archetypen" bezeichnet. Es sind dies die überpersönlichen, geerbten, automatisch ablaufenden Anteile der individuellen Psyche. Dagegen entfaltet das persönliche Unbewußte seine Wirkungen aufgrund der persönlichen Existenz eines Menschen,

Die gemalten Bilder würde man gemäß dem jungschen Ansatz außer nach den persönlichen Lebensumständen des Malers nach einer kollektiven Bildsprache deuten: In den Bäumen ist der Mensch dargestellt, der in eine bestimmte Kultur und Gesellschaft eingebunden ist, und es finden sich in seinen Darstellungen Spuren des Menschseins aller Menschen. Jacobi(1992) spricht in diesem Zusammenhang von Bildern archetypischer Natur. Dagegen befragt man z.B. einen Baum im Bild im Hinblick auf das persönliche Unbewußte nach seinen individuellen Wachstumsmerkmalen und Spuren, denen Erfahrungen aus dem Leben des Malers entsprechen.

Es nötig bei all diesen Überlegungen besonders hervorzuheben, daß jede Person eine individuelle Bild-, Farb- und Formsymbolik hat, die im therapeutischen Gespräch erst herausgearbeitet und offenbar werden muß.

 

Möglichkeiten der Veränderung und Zukunftsperspektiven

Im Hinblick auf die Zukunft ist besonders die kunsttherapeutische Ressourcenarbeit hervorzuheben. Schmeer stellt zu Recht fest, daß sich die therapeutische Arbeit inzwischen darauf konzentriert hätte, überall versteckte, vertuschte oder verschobene Probleme zu sehen. "Die Arbeit mit Bildern erfordert eine erweiterte Sicht: nämlich ein besonderes Auge für die Stärken und Fähigkeiten des Patienten." (Schmeer,1992) Es geht darum, sich mit den Ressourcen des Menschen zu verbünden, um damit auch dem Ansturm des Übermächtigen, Problematischen zu begegnen. Dies bedeutet, daß die kunsttherapeutische Arbeit nicht nur Probleme und unbewußtes Material ans Licht bringen soll, sondern auch die Stärken einer Person bewußtmachen und fördern will. Dies stellt die Grundlage für die Weiterentwicklung der Persönlichkeit dar.

Ebenso soll die Bedeutung eines Vorbildes in der Kunsttherapie dargelegt werden. Vorbilder liefern Anschauungsmaterial über eine bestimmte Seinsweise; sie zeigen eine bestimmte Art, zu leben und zu sein. Ein Vorbild kann ein Ansporn sein, eine Hilfe, um Ähnliches zu verwirklichen. Im kunsttherapeutischen Sinne kann ein Vor-Bild die Möglichkeit einer Veränderung vor Augen führen, denn damit wird Veränderung, Entwicklung konkret sichtbar und schwebt nicht mehr als abstraktes Gebilde im Kopf herum. Kunsttherapie will die Möglichkeiten zu Veränderung aufzeigen in dem Sinne: Was ich anders malen kann, kann ich auch beginnen, anders zu tun.

 "Ein herausragendes Merkmal klinischer Kunsttherapie ist der große Vorteil für den Patienten, der darin besteht, daß er seinen eigenen therapeutischen Fortschritt in Form seiner Bilder dokumentiert." (Landgarten, 1990)

Kunsttherapeutische Prozesse, vor allem weil sie innerlich und bildhaft sind, lassen sich letztlich schwer mit Worten beschreiben. Sie sind ein Versuch, mit den Händen zu sprechen, mit den Augen zu hören, mit dem Verstand zu sehen und mit dem Herzen zu berühren.

 

LITERATUR

Jacobi, Jolande: Vom Bilderreich der Seele. Olten 1992

Jung, Carl Gustav: Gesammelte Werke Bd. 8. Die Dynamik des Unbewußten. II. Die transzendente Funktion. Zürich 1967

Jung, Carl Gustav: Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewußten. München 1990.

Landgarten, Helen: Klinische Kunsttherapie. Karlsruhe 1990.

0001 / 8 91-3811

Schmeer, Gisela: Das Ich im Bild. München 1992.

 

Text und Bilder: Barbara Gockel