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15.6. Dienstag
Heute wurde gesägt. Als wir
gestern das Gestell mit den Solarzellen auf das Dach montieren
wollten, wären wir fast mit dem Boot umgekippt und begriffen sehr
schnell, dass der Schwerpunkt eines Bootes eher unten als oben liegen
sollte. Ich beschloss, die Kabine in Höhe der Oberlichter abzusägen
und das Dach tiefer zu legen. Der dazu nötige Fuchsschwanz lag aber
leider noch in der Kreuzberger Baustelle. Ein freundlicher Angler
versprach mir, auf das Boot aufzupassen und ich machte mich auf den
Weg zur S-Bahn. Ein komisches Gefühl, nach so einer Nacht in der Natur
und in Campingstimmung schon nach drei Minuten Fußmarsch wieder im
Großstadtgetriebe zu sein. Es wurde ein harter Tag. Sägen, sägen,
sägen. Ich hatte schon Angst vor dem Muskelkater am nächsten Tag. Aber
es gab auch Erfreuliches: Die Passanten.
„Ui sieht das toll aus.“
„Watn dat? Dat is ja super“.
Nur positive Kommentare,
ungefähr 30 Stück.
Eine Horde Kinder auf
Wandertag wollte sofort mit dem Drachenboot spazieren fahren und es
war nicht leicht, ihnen das auszureden.
Nach vielen Stunden sägen
hatte die Kabine eine mehr Vertrauen erweckende Höhe und das Boot lag
auch viel ruhiger im Wasser wenn man drauf herum stieg. Es ist doch
gut, wenn der Schwerpunkt so weit unten wie möglich liegt. Das änderte
sich aber sofort, als ich das Rahmenungetüm mit den Solarzellen
montierte. Der Kahn schwankte wie vorher. Da würde man sich noch eine
elegantere Lösung einfallen lassen müssen. Anschließend war Abdichten
mit Silikon angesagt. Neben Tee und Stullen war auch eine Silikonpumpe
in Karins Tüte gewesen, mit der ich aber nicht klar kam. Ich pumpte
und pumpte, aber weit und breit kein Silikon. Verzweifelt gab ich auf.
Der Wetterbericht hatte für die nächsten Tage jede Menge Regen
angekündigt und die Kabine musste unbedingt dicht werden. Das Abdecken
mit Plane war bei den herrschenden Windverhältnissen nicht recht
zuverlässig. Am Nachmittag hatte es einen kräftigen Schauer gegeben
und ich musste zwei Eimer Wasser vom Bootsboden aufwischen. Und jetzt
saß ich hier wie ein Trottel, unfähig, eine Silikonpumpe zu bedienen.
Karin war auf der Suche nach einem Liegeplatz und dabei an einen
freundlichen Vereinsvorstand geraten, der ihr erklärte, dass unser
momentaner Platz viel zu gefährlich sei und sie war schwer beunruhigt
– das Jugendschiff mit dem hohen Ausländeranteil in der Nachbarschaft
sei schon sehr suspekt. Ich teilte ihre Meinung nicht so recht. Klar
gibt es kriminelle Jugendliche, das Hauptverbrechen das die Berliner
Kids begehen ist, alles mit Graffitis vollzumalen, aber die hatten wir
sowieso schon. Dass türkische Kinder nachts Hausboote überfallen,
davon hatte ich noch nie etwas gehört. Immerhin wohnte ich seit drei
Jahren in Kreuzberg, nach Einwohnerzahl die viertgrößte türkische
Stadt und mir war noch nie etwas passiert. Einmal flog um zwei Uhr
nachts ein Stein durchs Fenster, aber das müssen ja nicht zwangsläufig
Türken gewesen sein. Eher deutsche Kids, die schon mal für die
traditionelle Randale am ersten Mai probten.
Zehn Euro für eine Woche
Liegeplatz wollte der nette Herr vom Verein haben und Karin bot ihm
zusätzlich noch eine kleine Spende für die Kaffekasse an. Den
Schlüssel für die Bootsbox müsste sie aber beim Kassier in
Friedrichshain abholen. Sie radelte hin, der Typ war total
unfreundlich und schickte sie ohne Schlüssel wieder nach Hause. Total
sauer kam sie beim Boot an, stellte fest, dass nicht ich blöd, sondern
die Silikonpumpe kaputt war, zerschnitt die Tüte mit dem Fuchsschwanz
und verfugte das Boot mit einer Spachtel. Nicht schön, aber
hoffentlich dicht. Bis kurz vor Mitternacht dauerte die Aktion. Sie
spachtelte, ich leuchtete mit der Taschenlampe. Endlich fertig, nun
konnte der große Regen kommen. Karin wollte das Boot alleine lassen
und wegen der gefährlichen Jugendlichen lieber zuhause schlafen, aber
da war ich voll dagegen und beschloss, Nachtwache zu halten. Hatte ja
ein Handy dabei, eine Dose Pfefferspray und einen Bootshaken, mit dem
man zur Not auch zuschlagen konnte. Viel mehr Angst hatte ich vor dem
Sturm. Am Nachmittag erst hatte er einen Ast vom Baum gebrochen und
drei Meter neben das Boot knallen lassen.
Ich ging zu Bett und
beobachtete sorgenvoll die hohen Bäume mit ihren vielen dicken Ästen,
die drohend über das Boot ragten. Der Wind wurde immer stärker und
übertönte bald schon das S-Bahn-Gepolter vom Ostkreuz. Das konnte eine
Nacht werden. Ich bereitete mich auf den Tod vor.
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Die Quelle aller
Gefahren: Das Jugendschiff |
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Das Oberteil der
Kabine ist schon abgesägt |
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Die Bucht, die für
die nächsten zwei Wochen meine Heimat sein sollte |
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Der Rummelsburger
See |
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