Spirit of Berlin

 

 

 


  
 Wer gerade Fahrradteile und ein gebrauchtes Notebook gleichzeitig braucht kann noch schnell einkaufen gehen bevor es über das Planufer zur Kottbusser Brücke weitergeht. Dienstags und Freitags hats hier Kinderflohmarkt, der Trubel vom hier beginnenden Wochenmarkt macht es den Autofahrern schwer und sie ist auch der örtliche Umschlagplatz für Gebrauchtwägen.


  


Der normale Autofahrer sollte sich hüten, hier zu parken, das wird überhaupt nicht gern gesehen und schon manchem hat man ein Schild "Zu Verkaufen" ans Fenster geklebt. Hier gibt es auch das einzige voll in türkischer Hand befindliche Kaufhaus, den "Adese". Man bekommt hier alles, was man in einem Kaufhaus erwartet, allerdings meistens in Großpackungen, die für türkische Familien und ihre Verwandten ausgelegt sind. Aus einem kleinen Sträußchen Petersilie wird nichts, die ist hier pfundweise zum Bund geschnürt. Alkohol aller Art wird man vergeblich suchen und das gemischte Hackfleisch kommt von Rind und Lamm. Schweinefleisch wird hier nicht verkauft.

  Weiter gehts über die Brücke und rechts rein ins Planufer. Hier reiht sich ein Frühstückslokal an das andere, man bekommt hautnahen Kontakt zu Touristendampfernund fährt an Kreuzbergs Boccia-Gelände vorbei.  

Nach zehn Minuten geht es nur noch links rum weiter und gleich darauf kann man haarscharf am Kanal entlangradeln

  Eine falsche Bewegung mit dem Lenker und schon liegt man im schmutzigen Spreewasser. Kaum zu glauben, dass man sich hier ungefähr in der geographischen Mitte einer Dreimillionenstadt befindet. Richtig idyllisch ist es hier. An der starkbefahrenen Schlesischen Straße gehts links rum, die Falckenstein rechts und schon ist man an Berlins schönster Brücke, der Oberbaumbrücke.

 Einmal im Jahr findet hier das Oberbaumfest statt – eines der größten Strassenfeste in Berlin. Eigentlich dürften wir bei einer Kreuzbergtour nur bis zur Mitte fahren – ab dann befindet sich man in Friedrichshain - und den Ausblick auf die Spree genießen, den kleinen Abstecher zur Eastside-Gallery zur Linken kann man sich aber erlauben. Der längste erhaltene Teil der Berliner Mauer, voll mit Graffitis und überraschend wenigen Touristen. 

 Die stehen lieber am Checkpoint Charlie rum und schauen sich die Mauer im Museum an. Wer Lust hat kann die Gallery bis zum Ostbahnhof langfahren, muss aber wieder zurück über die Oberbaumbrücke – es soll ja keine Friedrichshain-Tour werden. Die Falckensteinstraße hat man noch von vorher in Errinnerung, und in der geht es jetzt an Kreuzbergs schönster Eisdiele vorbei immer geradeaus direkt in den Görlitzer Park.  

 

  

Er ist der größte in Kreuzberg und man findet hier stets eine gelungene Mischung aus türkischen Familien, Späthippies und den Freaks mit diesen grün-roten Irokesenhaarschnitten. Im Sommer ist hier so etwas wie eine Dauerparty, die auch nachts nicht zu verachten ist. Vor allem wegen dem Geruch, den so ein auf dem Spieß über einem großen Lagerfeuer bratender Hammel verbreitet – eine türkische Spezialität, die hier einfach im Park gebraten wird. Nicht zu übersehen auch das ständig in Reparatur begriffene Amphitheater, abends ein beliebter Platz zum Rumknutschen und Proberaum für trompeteübende Hobbymusiker.


  Den Park durchqueren wir Richtung Westen und werfen einen kurzen Blick von hinten zu den Wettschwimmern im Bad am Spreewaldplatz, das wir umrunden und von vorne aus die wagemutigeren Schwimmer im Wellenhallenbad bewundern.
 

 

 

 

Ein Stück Wiener Straße unter dem Görlitzer Bahnhof durch und schon ist man in der Oranienstraße: Freak-Kreuzbergs Antwort auf Vornehm-Kreuzbergs Bergmannstraße. Jede Menge Lokale (sprich Schuppen für die rotgrünen Irokesen, die alle hier in der Gegend wohnen) und Läden mit Verrücktheiten aller Art.

  Man muss sich auch nicht wundern, wenn hier an einem warmen Sommerabend eine laute Trash- bis Death-Metal-Band den Auftritt lieber auf der Straße absolviert, als in dem überhitzten kleinen Club, in dem sie eigentlich hätte spielen sollen. Mit Beschwerden der Anwohner ist kaum zu rechnen und die (auch grünroten) KellnerInnen servieren halt auf der Straße.

  Am Mariannenplatz – im Hanfhaus gibt es allerdings kein Rauschgift zu kaufen - radeln wir nach rechts in die Mariannenstraße, am Künstlerhaus Bethanien
 
vorbei und gelangen zu Berlins wohl schönstem Anwesen.  Da hat sich jemand aus Sperrmüllholzresten und alten Türen auf einer Verkehrsinsel ein Gartenhäuschen gebaut 
und niemand stört sich dran. Eine Baugenehmigung hat der Gute dafür sicher nicht bekommen, aber was solls.
Man ist schließlich in Kreuzberg. 

Und hier war früher auch der Todesstreifen   dem wir in westlicher Richtung folgen und bei der nächsten Kreuzung die Adalbertstraße links abbiegen, die uns wieder zurück in die Oranienstraße bringt. 

  Rechts rum weiter und schon ist man bei Deutschlands berühmtestem Supermarkt - der Plus-Markt am Oranienplatz.
  Jedes Jahr am 2. Mai kommt er in allen TV-Nachrichten, weil er routinemäßig von den Krawallos bei der Großdemo am 1. Mai geplündert wird und die Plünderer hinterher von Polizisten und Wasserwerfern verfolgt werden. Am ersten Mai ist dieser Teil der Kreuzberg-Tour ein echtes Erlebnis – alle Straßen sind voll mit Freaks und Leuten, die eigentlich nicht demonstrieren, sondern eine Riesen-Straßenparty machen. Ein harter Kern von Anarchos trampelt dann aber auf Autos rum, schlägt Schaufenster ein, verdirbt den anderen hunderttausend die Party und macht der Polizei Arbeit.

  Auf dem Parkweg neben der Oranienstraße gehts weiter, am Axel-Springer-Haus 

  vorbei zur Friedrichstraße mit ihrem Checkpoint 
     Charlie

 
  Hier trifft man sie, die Touristen, die man vorher an der Mauer so schmerzlich vermisst hatte. Hier stehen sie am Wochenende Schlange vor dem Mauermuseum und kaufen sich kleine, sündhaft überteuerte und wahrscheinlich inzwischen in Billiglohnländern gefälschte Bröckchen der Mauer. 




Das wollen wir uns nicht antun und verlassen den Trubel Richtung Süden       auf der Friedrichstraße bis zum Halleschen Tor, 
  an dem man sich unweigerlich frägt, wo denn hier eigentlich das Tor ist. Weit und breit keins zu sehen, dafür erspähen wir die uns schon bekannte Blücherplatzkirche an der wir rechts in die Zossener abbiegen.

  Eigentlich eine ziemlich trostlose Strasse – außer man ist ein Fan von schlechten Graffitis an Friedhofsmauern - aber ungefähr in der Mitte wartet sie mit einem kleinen Highlight auf: Radio-Art.

            Ein kleiner Laden mit unheimlich putzigen Plattenspielern, die aus einer Zeit kurz nach dem Krieg stammen müssen. Jede Menge davon und die Radios sind bestimmt von vor dem Krieg. Süß.

  Ganz penible Fahhradfahrer können jetzt noch links rum die Gneisenaustraße auf dem Mittelstreifen lang bis zum Ausgangspunkt Südstern strampeln, aber man kann sich auch hier schon in die U-Bahn schwingen und heimfahren. So interessant ist die Gneisenau mit ihrem Verkehrslärm auch wieder nicht.